Die Liebe­sunwahr­schein­lichkeit


Die Liebenden sa├čen unter dem bisschen Hoffnungsgr├╝n links im Bild. Sie hatten den Ort gew├Ąhlt, weil er ihr ein wenig Schatten bot, w├Ąhrend er mit dem Gesicht halb in der Abendsonne auf einem breiten Sims Platz finden konnte. Sie empfanden Gl├╝cksstille. Gleich w├╝rden sie die Lesung eines von ihnen beiden verehrten Autors besuchen.

Als das Handy des Geliebten klingelte. Der Geliebte zuckte zusammen und sagte: ÔÇ×Das ist meine Familie.ÔÇť Dabei sah er seine Geliebte mit Unvermeidbarkeitsbedauern an, das schwer auf seine Schultern dr├╝ckte. Der Geliebte stemmte sich gegen sein eigenes Gewicht und stand auf. Er entfernte sich mit R├╝cksicht auf die Familie und auf die Geliebte von der Geliebten, obwohl er sich durch seine heimliche Verabredung zur Lesung mit R├╝cksicht auf die Geliebte und seine Familie gerade erst von der Familie entfernt hatte. Die Geliebte erkannte darin auf Anhieb die vertrauten zwei halben Wahrheiten, die allerdings jetzt, da sie allein im Innenhof war, pl├Âtzlich und unerwartet in weitere, immer kleiner werdende Wahrheitsanteile zerfielen, die die Geliebte proportional zur Dauer des Wegbleibens ihres Geliebten immer schlechter zu einem Wahrheitsganzen zusammenkratzen konnte. Schon erschien es ihr nur noch zu einem Viertel wahr, dass es sie selbst ├╝berhaupt gab. Und das Viertel wiederum schmolz in der Abendsonne auf die Gr├Â├če eines Achtels Butter. Die Geliebte trank gegen den Wahrheitszerfall an und leerte das Weinglas, das ihr der Geliebte im Weggehen ├╝berlassen hatte, in einem Zug. Doch es n├╝tzte nichts. Die Wahrheit zerfiel weiter bis sie schlie├člich unwahrscheinlich war und ├╝berschwemmte die Geliebte dergestalt von innen.

ÔÇ×Ach, k├Ąme er nur schnell zur├╝ckÔÇť, dachte die Geliebte. Die Unwahrscheinlichkeitsschwemme hatte ihre Gedanken l├Ąngst geflutet... ┬áweiterlesen┬á