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Wovon man alles nicht stirbt

Die meistgestellte Frage auf Lesungen lautet: Wie kommst du eigentlich auf die Ideen zu deinen Büchern? Ich passe gut auf, antworte ich dann, ich beobachte, was um mich herum geschieht, belausche Gespräche, schaue in Gesichter, sammle Eindrücke aller Arten, nehme sie mit, lege sie ab, schiebe sie weg, hol sie wieder her, träume von ihnen, reiße sie aus dem Kontext, stelle sie auf den Kopf... Mancher Eindruck wartet Jahre bis ich erkenne, dass er was taugt, andere zünden wie gute Ideen sehr sebstverständlich. Am Ende hat jedes Buch seine ganz eigene Entstehungsgeschichte. Die von "Wovon man alles nicht stirbt" geht so:

Es war einer dieser goldenen Herbsttage, an denen man den Sommer nicht vermisst. Weil mein Schreiben ins Stocken geraten war, setzte ich mich ins Café und schaute auf die Straße. Im gegenüberliegenden Mietshaus wurde ein Ladenlokal renoviert. Baufahrzeuge rumpelten heran. Handwerker gingen ein und aus.

Als eine junge Frau die Szene betrat.

Sie kletterte, die langen Haare zu Seilen geflochten, auf eine Hebebühne und fuhr darin die Fassade des Mietshauses hoch bis zum Dachfirst. Ich und einige andere Gäste beobachteten, wie sie anfing, die leberwurstfarbene Hauswand apfelsinengelb zu streichen.

Heliosstraße | Köln-Ehrenfeld
„Von der sind auch die blauen Vogelmädchen in Ehrenfeld“, hörte ich einen Mann am Nachbartisch zu seiner Freundin sagen. „Weißt du, wo das ist?“ Ich nickte, als hätte er mich gefragt. Und auch die Freundin nickte. Logisch, bestimmt kannten viele Kölnerinnen und Kölner dieses Wandgemälde mit den mandeläugigen Mädchen in der Heliosstraße, deren blaue Haare bei längerem Hinsehen zu Blättern wurden, in denen Vögel wohnten – tropenbunt wie ein Trostflecken Urwald im großen Grau der Stadt. „Die Wandgemälde heißen murals“, wusste der Mann am Nebentisch. „Sie malt sie auf Wände und Häuser an Orten in der ganzen Welt.“

Als ich das nächste Mal ins Café kam, hatte ich mich sechs Tage lang gequält und doch nichts geschrieben. Kein Wort. Ich steckte fest. Die Hausfassade aber war mittlerweile so regenbogenbunt wie die Farbkleckse auf den leichten Stoffschuhen der Künstlerin. Sie hatte begonnen, den farbensatten Untergrund mit schwarzen Linien zu überziehen. Sie malte mit einem Pinsel. Aus der Hand und aus dem Kopf. Ohne Schablone, ohne Skizze.
Aus einem der Fenster des Mietshauses schaute ihr ein Rentner zu. Seine Unterarme waren im offenen Fenster auf einem Kissen abgelegt, er rauchte und erzählte ihr was. Die Künstlerin hörte nur zu. Und malte wie in Trance. Es sah aus, als wären es seine Worte, die ihr den Pinsel übers Mauerwerk führten.
An diesem Tag blieb ich lange im Café. Bis die halbe Hausfassade in der untergehenden Sonne mit bunten Blättern bewachsen zu sein schien, die Hebebühne nach unten fuhr und die junge Frau erschöpft auf die Straße sprang. Wir verabredeten ein Treffen für den nächsten Tag

Sabor 'ermoso | Kurfürstenstraße | Köln-Südstadt

Ich erfuhr, dass die Künstlerin Pau Quintanajornet heißt und Deutsch-Chilenin ist. 2013 hatte sie PROJECT WALLFLOWERS gegründet, weil sie ein weltweites Netzwerk für Kunst im öffentlichen Raum schaffen wollte. Damit die Menschen in Kontakt miteinander kämen und sich von murals inspiriert gegenseitig was erzählten. Von ihren Träumen, Wünschen und Hoffnungen.

„Die Menschen sollen ihren Zusammenhalt spüren“, sagte Pau. „Wenn Künstler und kulturelle Institutionen auf der ganzen Welt mitmachen, kann das Projekt einen Wandel in der Gesellschaft bewirken.“
Seitdem haben schon viele Künstler und Kulturschaffende mitgemacht. Das Projekt wuchs und wächst weiter. Derzeit malt Pau in Patagonien.

„Jede Blume wächst aus einem Samen“, sagte sie bei unserem ersten Treffen. „Je mehr Nahrung und Hingabe sie erfährt, desto größer ist die Chance, dass sie schöne Blüten treibt. Mit Menschen ist es genauso.“

Als ich zu Hause meinen Laptop aufklappte und das „WOVON“-Dokument öffnete, war Lesya schon da. Pau hatte ihr Leben eingehaucht. Und ich wusste wieder weiter: Lesya kam neu in Kims Klasse, wurde ihre beste Freundin und veränderte alles. Sie musste Fahrrad-Klose loswerden, sie hatte die Idee mit dem Rezept, sie brachte Kim zum Reden und malte inspiriert von ihren Geschichten die Wände in ihrer Wohnung voll.
Indem sie sich gegenseitig mit Bildern und Geschichten fütterten, erschufen die Freundinnen Kim und Lesya, auf der Suche nach Heimat und Freundschaft, die Welt in WOVON MAN ALLES NICHT STIRBT.

Vielleicht entdeckt ihr, liebe Leserinnen und Leser, in eurer Stadt oder auf Reisen auch ein mural. Haltet die Augen offen. Und dann: erzählt euch was.     

21. Dezember 2017